Andreas Becker-Grieb (geb.1952)

 

Andreas Becker-Grieb 1988, als Maler zwischen Realismus und abstrakter Malerei: Allein abstrakt - erklärt nichts. Bloß realistisch - wird zur Illustration dessen, was man eh schon weiß. Das Grauen kannst du nicht malen, außer du wirst platt und geschmacklos. Illustratoren haben wir genug."

(...)

Nach seinem Examen blieb Becker in Bremerhaven. Von 1980 bis 1986 war er Lehrer an der Georg-Büchner-Schule tätig, unterrichtete an der Sekundarstufe I, d.h. vor allem Schüler der siebten bis zehnten Klasse, in den Fächern Kunst und Deutsch sowie Arbeitslehre und Geschichte. Während dieser Zeit malte er mit Schülern ein Wandbild zu Picassos "Guernica" in der Pausenhalle der Schule.


Guernica
Guernica

Gemeinsam mit einem Kollegen, Godehard Pollakowski, stellte Becker vom 6.September bis 3.Oktober 1985 in der Galerie am Bürgerpark in Bremerhaven aus. Sie nannten die Ausstellung "Befindlichkeiten", "darin stecke auch finden, sich befinden, in der (oder) der Situation, nicht sicher sein, suchen". Zu sehen waren u.a. von Andreas Becker Linolschnitte zu Gedichten von Gottfried Benn und Franz Kafka sowie Selbstporträts und andere Gemälde in Öl - meist altmeisterliche Schichtenmalerei -, die alle darauf anspielen, dass der Mensch, der mit seiner Umwelt und dadurch nicht nur mit seinem eigenen Leben sehr leichtsinnig umgeht, die falschen, nämlich meist materielle Werte als "schützenswertes Kulturgut" anerkennt und behandelt, den Verfall der Erde, des eigenen Körpers beschleunigt und auch die Entwicklung alles künftigen Lebens auf diese Weise vorprogrammiert.


"Die Krone der Schöpfung..."
"Die Krone der Schöpfung..."

So gibt Becker einem Selbstporträt von 1983 nach Gottfried Benn den Titel "Die Krone der Schöpfung - das Schwein der Mensch" und zitiert zu einem im gleichen Jahr in Linoleum geschnittenen Selbstbildnis, neben dem ein grinsender Totenkopf erscheint, den Dichter FranzKafka: "Mein Weg ist gar nicht gut, und ich muss - soviel Übersicht habe ich - wie ein Hund zugrunde gehen. Auch ich würde mir gern ausweichen, aber da das nicht möglich ist, freue ich mich nur noch darüber, dass ich kein Mitleid mit mir habe und so egoistisch also endlich geworden bin." 


Linolschnitt (Ausschnitt), Druck auf Chinapapier, zu Franz Kafka "Mein Weg ist gar nicht gut,..."
Linolschnitt (Ausschnitt), Druck auf Chinapapier, zu Franz Kafka "Mein Weg ist gar nicht gut,..."
"Nachts" von Franz Kafka
Linolschnitt, Druck auf Chinapapier zu "Nachts" von Franz Kafka


Franz Kafka "Gibs auf"
Linoldruck zu Franz Kafka "Gibs auf"

Kulturgut
Kulturgut

(...)

Vom 5. bis zum 19. August 1988 präsentierte er seine Werke zum erstenmal in Bremen in der Villa Ichon. Hans-Eberhard Happel, Autor und Freund des Künstlers, sagte in seiner Eröffnungsrede:
"Becker hat Angst vor der Selbstgefälligkeit des Kunstbetriebs, davor, dass man gerade die abstrakten Bilder goutieren könnte, die helleren im italienischen Eisladen, die ungeheuer suggestive ´Landschaft`mit doppeltem Horizont im Salon. Er hat Angst, dass noch das Grauen gefällig werden könnte statt zu schmerzen, wie die Sicherheitsnadel im zerfließenden Fuß eines Kindes schmerzen soll."

So stellt der Künstler neben den neueren, abstrakten Bildern auch sein Selbstporträt von 1985 aus, das ihn nackt und dem Verfall preisgegeben, auf der düsteren, leblosen, dem Untergang geweihten Erdkugel zeigt. Sein hoch aufgerichteter Körper wirkt hohl, durchscheinend, wie eine bloße,leere Fassade, die bröckelt. Nur das Gesicht scheint lebendig, der Blick des Künstlers richtet sich durch die Brille, unbeirrt durch das, was um ihn herum und mit ihm selbst passiert, fast arrogant auf den Bildbetrachter. "Ecce Homo" - doch nicht mehr lange.. 


Ecce homo; Selbstbildnis Andreas Becker-Grieb
Ecce homo

Obgleich sich Becker in der Zwischenzeit von der realistischen Malerei entfernt hat, gibt es in dem Selbstbildnis "Elemente, die weiterwirken. Nicht die Lust an Selbstentblößung, aber die Auflösung, das Morbide, das Zerbrechen der Dinge, der Zerfall eines Körpers. Es gibt das Zeichen für ´schützenswertes Kulturgut`, hier am rechten Handgelenk, das in verschiedenen Varianten in späteren Bildern wiederkehrt, es gibt das Düstere um die hell um die hell ausgelichteten Körper-Fragmente, es gibt Hinweise und Zeichen für die Bedrohtheit alles Lebendigen." All dies konnte man anhand der in der Ausstellung aufgehängten Werke verfolgen, Auflösungsmomente enthielten erkennbar auch die abstrakten Gemälde .

Trotzdem hatte Becker mit seiner Befürchtung Recht, man könne seine neueren Werke fehleinschätzen. Die warmen Erdfarben, die subtile Malweise ließen sie auf den ersten Blick harmonisch wirken. So hieß sie in der Lokalpresse in Bremen in der Kritik zu der Ausstellung unter der Überschrift "Gedankenfracht belastet die Bilder" über den Künstler: "...malen kann er allemal. Vor allem die als `Landschaft`bezeichneten Werke legen seine Fähigkeit zum sensiblen Aufbau vielfach nuancierter Farbschichten. Als Schleier, unter denen aus fernen Räumen gedämpftes Licht hervorbricht, legen sie sich über die Bildgründe und erzeugen intensive Stimmungen. Sie resultieren nicht zuletzt aus sanften Bewegungen von Beckers Farbwolken... Aber auch mit der Realität kann Becker umgehen, wie sie sich zeigt, wenn Bruchstücke von Gegenständen in seinen Bildern auftauchen. Diese Werkgruppe tendiert stark zum Surrealismus. Da wird Realität verfremdet und in die Nähe des Geheimnisvollen gerückt..."

Über mögliche Inhalte seiner Bilder kein Wort, statt dessen Bemängelung seiner Bildinhalte, die er benutzt, um auf seine eigentlichen Absichten hinzuweisen; diese fänden wiederholt "im Bildinhalt keine Basis".

Worauf der Kritiker bei den neueren Bildern nicht geachtet hat, war der Farbauftrag. Becker hatte zwar vorher auf die mit Kreide grundierte lasierend Tempera- und Ölfarben in feinen Schichten aufgetragen, die Ölfarbe nun jedoch mit Lösungsmitteln und Heißluftfön  bearbeitet, wodurch sie an einigen Stellen riss, brüchig wurde, alterte. Das Morbide, das

Destruktive, auf das er hinweisen wollte, war dadurch Teil der Bilder geworden, die sich aufgrund der "Reißlack"-Technik manchmal noch veränderten, wenn der Maler selbst seine Instrumente längst aus der Hand gelegt hatte.

War Becker vorher mit klaren Motivvorstellungen an seine Bilder gegangen, so entschied sich von 1986 an während des Malprozesses, wie konkret eine Darstellung wurde. "Ich stehe vor der weißen Leinwand und trage Farben auf, lasiere, versuche Höhen und Tiefen zu schaffen. Ich sehe, was sich daraus entwickelt." So entstanden u.a. das Diptychon von 1988 und das Gemälde "Warten auf die Auguren" von 1989. Hans-Eberhard Happel:"Von der Abstraktion zur Gegenständlichkeit. Der Weg, den der Bildhauer geht.Das in diesem Jahr entstandene Diptychon erinnert mich an jene Maler und Bildhauer der italienischen Renaissance, der die Körper von Sklaven nur zum Teil aus den Steinblöcken herausarbeitete und damit den Kampf des lebendigen Leibes gegen die Gewalt der Materie anzeigte." Gemeint ist der Künstler Michelangelo. Tatsächlich hat dieses Werk etwas von einer Bildhauerarbeit. Auf der linken Tafel des Diptychons stemmt sich eine weibliche Gestalt mit aller Kraft gegen etwas, was aus der rechten Tafel auf sie einzustürzen droht. Die Plastizität, das Raumgreifende der Figur, ist u.a. durch die Dreiviertelansicht bedingt. Sie erinnert nicht nur an Gestalten aus der Renaissance, der die Körper von Sklaven nur zum Teil aus den Steinblöcken herausarbeitete und damit den Kampf des lebendigen Leibes gegen die Gewalt der Materie anzeigte." Gemeint ist der Künstler Michelangelo. Tatsächlich hat dieses Werk etwas von einer Bildhauerarbeit. Auf der linken Tafel des Diptychons stemmt sich eine weibliche Gestalt mit aller Kraft gegen etwas, was aus der rechten Tafel auf sie einzustürzen droht. Die Plastizität, das Raumgreifende der Figur, ist u.a. durch ihre Dreiviertelansicht bedingt. Sie erinnert nicht nur an Gestalten aus der Renaissance, sonder auch an die Karyatiden der Antike, weibliche Gewandstatuen, auf deren Köpfen das Dach eines griechischen Tempels ruht. Bei Becker handelt es sich um ein Dach, das kaum mehr zu halten ist - und doch sollte man versuchen, sich gegen den Zusammenbruch zu wehren.

 


Warten auf die Auguren, 1989 ;Öl auf Leinwand ; Reißlacktechnik auf Ochsengalle;  Mischtechnik;140 x 200 cm
Warten auf die Auguren

Das Gemälde "Warten auf die Auguren" von 1989 versetzt uns ins alte Rom. Die Auguren waren Mitglieder eines Priesterkollegiums, die zunächst nur - besonders in Kriegszeiten und anderen Krisensituationen - für das römische Volk zu beten hatten, später aber auch die Auspizien überwachen, d.h. den Willen der Götter durch Beobachtung des Verhaltens von Vögeln deuten mussten. Von ihrer Deutung hing manch eine Entscheidung, manch ein Schicksal ab. Die Menschen, die in diesem Fall, geheimnisvoll von Nebelschwaden umhüllt, gesichtslos, auf die Auguren warten, verhalten sich unterschiedlich, die einen majestätisch aufrecht stehend, andere verzweifelt am Boden liegend. Der Maler meint nicht nur das alte ROm, er meint die Menschen seiner Zeit. Der Dunst, das ist nicht nur Nebel. Die Luft, die die Menschen eigentlich zum Atmen, zum Leben brauchen, ist schon stark verseucht. Sollte man wirklich auf die Auguren warten, die Entscheidung darüber, was mit der Welt passiert, einigen wenigen überlassen?

(...)

 

Text: Elke Grapenthin

Künstler und Künstlerinnen 
in Bremerhaven und Umgebung

1827-1990

Herausgeben:

Freundeskreis Paul  Ernst Wilke e.V.

H.M.Hauschild GmbH, Bremen 1991